Um Ihnen einen kleinen Einblick in unsere Arbeit zu ermöglichen, möchte ich Ihnen die Geschichte einer Klientin erzählen, welche geschlossen untergebracht werden sollte und seit ca. 3 Jahren von uns zu Hause versorgt wird.
Frau Meier (der Name wurde geändert) kam auf Grund gesundheitlicher Probleme ins Krankenhaus. Im Krankenhaus meinten die Ärzte, dass Frau Meier wegen Ihrer Demenz nicht mehr nach Hause könne und in ein Altenheim umziehen müsste. Da sie dies nicht wollte und man davon ausgehen musste, dass sie weglaufen würde, wurde eine geschlossene Unterbringung angeregt.
Die Wohnung war in einem ziemlich verschmutzten Zustand, wie auch die Katze der damals 80-jährigen Dame. Es roch nach Katzenurin und überall waren Katzenhaare. Die Gardinen waren seit mehrerern Jahren nicht mehr gewaschen worden, dass Bett war durchgelegen und zusammengebrochen. Der Wasserhahn in der Küche tropfte ständig und spritzte beim Öffnen in alle Richtungen. Des Weiteren war kaum Licht in der Wohnung, da die meisten Lampen defekt waren.
Da die Angehörigen nicht wollten, dass Ihre Mutter in ein Heim kommt, baten sie uns um Hilfe. Wir erfuhren, dass Frau Meier bisher jegliche Hilfe verweigert hat und niemanden an sich heran ließ.
Um Vertrauen aufzubauen begannen wir Frau Meier regelmäßig im Klinikum zu besuchen. Sie erzählte uns von ihrer Wohnung und ihrer Katze, die sie sehr gern hat. Über die regelmäßigen Besuche war sie sehr erfreut und vertraute uns an, dass sie wieder nach Hause möchte.
Nebenbei nutzten wir die Zeit die Wohnung zu reinigen und den Müll zu entsorgen, den Wasserhahn und das Bett zu reparieren und mit einer altersgerechten Matratze auszustatten. (ca. 120 Arbeitsstunden) Bei diesen Arbeiten fiel uns auf, dass Frau Meier vermutlich auch ein Alkoholproblem hat, da in der Wohnung einige leere Rotweinflaschen standen.
Nachdem die Wohnung grundgereinigt und wieder instand gesetzt worden war, konnte Frau Meier wieder nach Hause. Aufgrund Ihrer Demenz entschieden wir uns zuvor noch den Herd abzuklemmen und sämtlichen Alkohol aus der Wohnung zu entfernen.
Wir bemühten uns bei der Versorgung auf die Bedürfnisse von Frau Meier einzugehen und sie ihren Gewohnheiten gemäß zu betreuen. Dadurch nahm sie unsere Hilfe zögernd, aber dennoch dankbar an. Eine große Stütze war uns hierbei ihr Sohn, der uns sehr viele Informationen über seine Mutter gab.
Ein großes Problem war allerdings weiterhin Ihr Rotweinkonsum. Jeden Tag mussten wir ca. zwei bis vier Flaschen aus der Wohnung entfernen, da Frau Meier mehrmals am Tag zum Einkaufen ging. Durch den übermäßigen Genuss bekam sie dann regelmäßig Durchfall. Auch Säfte oder Kaffee vertrug sie nicht mehr. Auf Grund ihrer Demenz vergaß sie aber die Absprachen keinen Rotwein mehr kaufen zu wollen usw. Aus diesem Grund regten wir beim Sohn, welcher eine Vollmacht hat, an das Konto zu sperren. Durch diese Veränderung wurde es uns möglich den Konsum von Alkohol ganz zu reduzieren. Mit viel Geduld und Gesprächen gewöhnte sich Frau Meier daran, dass sie kein Geld mehr erhält und nur noch mit uns zum Einkaufen gehen kann. Nach einer Umstellung von Säften auf stilles Wasser kam der Durchfall weitestgehend zum Stillstand.
Des Weiteren begleiteten wir Frau Meier regelmäßig zum Arzt, zur Fußpflege und zum Friseur sowie zum Seniorentreff. Durch die konsequente und gleichbleibende Versorgung hat sich der Gesundheitszustand von Frau Meier soweit stabilisiert, dass sie voriges Jahr eine Hüftoperation ohne Schwierigkeiten überstand und weiterhin in ihrer eigenen Wohnung lebt. Sie geht gern spazieren oder sitzt auf ihrer Terrasse, welche gemeinsam mit Blumen bepflanzt wurde...
Dies ist ein Beispiel von vielen, die wir mit unserer Arbeit in den letzten 10 Jahren erleben konnten. Durch die individuelle und ganzheitliche Versorgung unsere Klienten, ihren Lebensgewohnheiten entsprechend, wurde es uns möglich einen Weg zu finden ältere Menschen in ihrer eigenen Wohnung zu versorgen, welche sonst teilweise in einem Heim gegen ihren Willen untergebracht werden müssten.
© 2009 Senioren-Seelsorge Thomas Weickert